Der letzte hölzerne Schleppdampfer "S.S.MASTERS"
Fotos: Capt. Wolfgang Schlager, Bellingham, Wa., USA
 

   

Der kanadische Dampfschlepper MASTER, der letzte Überlebende seiner Zunft, wurde im Jahre 1922 von Kapitän Herman Thorsen bei der im False Creek gelegenen Werft von Arthur Moscrop, in Vancouver, B.C. in Auftrag gegeben. Die Baukosten betrugen 34.000 kanadische Dollars. Arthur Moscrop war ein bekannter Konstrukteur und Erbauer von hölzernen Schleppern und seine Werft war damals eine erste Adresse.  MASTER, und seine beiden Schwestern SEA SWELL und R.F.M., waren die letzten Dampfschlepper die in British Columbia gebaut wurden. Der Grund, warum man damals noch Dampf als Antrieb wählte, war der Umstand, dass einige Dampfmaschinen aus Überschußbeständen der englischen Royal Navy kostengünstig zur Verfügung standen. Die Maschinen waren bereits 1916 von den Speedwell Iron Works in Schottland gebaut und sollten ursprünglich in britischen Minensuchbooten eingebaut werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Nach dem Ende des ersten Weltkrieges wurden einige dieser Maschinen nach Kanada verkauft. Hölzerne Schiffsrümpfe für Schlepper wurden in Kanada noch bis Ende der 1940er Jahre gebaut, da der Baustoff reichlich und relativ billig zur Verfügung stand. Auch waren Schäden  an der Außenhaut schnell und kostengünstig zu reparieren.

MASTER war in erster Linie für das Schleppen von Schuten und von Flößen im Küstenbereich bestimmt. Der Schlepper war so ausgelegt, dass er großen Vorwärtsschub selbst bei geringer Geschwindigkeit entwickeln konnte. In seinen Anfangsjahren hat MASTER  auch noch einige Segelschiffe von See zu Häfen an der Ostküste von Vancouver Island geschleppt. Nach deren Beladung mit Waldprodukten wurden sie  zurück durch die Strasse of Georgia zum offenen Wasser in der Juan de Fuca Strasse gezogen, wo wieder Segel gesetzt werden konnten. Er wurden aber auch bei einige  längere Schleppreisen eingesetzt, die den  seetüchtigen Schlepper bis an die  Küste von Nord-Kalifornien  und  hinauf bis nach Südost Alaska geführt haben. Mit vollen Bunkertanks betrug die Reichweite 2.000 Seemeilen.

MASTER hat eine Länge über alles von 85’ (25.9m), eine Breite von 19.5’ (5.9m) und einen Tiefgang von 12’ (3.7m). Die Verdrängung beträgt 95 Tonnen. Fast der gesamte Rumpf ist aus Holz von der Douglas Fichte erstellt, etwas Teakholz wurde an den Aufbauten  zur Verschönerung verwendet. 

MASTER  war von Anfang an als Ölbrenner konzipiert.  Da die verfügbare Kohle an der Pazifikküste damals von minderer Qualität war, stellten die meisten Dampfschiffe  von einer Befeuerung mit Brennholz meist sofort auf Ölfeuerung um, als dieses überall erhältlich war. Der ursprüngliche Kessel musste 1944 durch einen neuen Flammrohrkessel schottischer Bauart, mit zwei Brennern, ersetzt werden. Er befindet sich auch heute noch in einem  guten Zustand. Angeheizt wird mit Dieselöl, bis ein Kesseldruck von etwa 100 psi (6.9 bar) erreicht ist. Dann wird, so verfügbar, auf Altöl umgestellt.



Dampfmaschine


Dampfgenerator


Ölfeuerung

Die Dampfmaschine ist eine doppelt wirkende, dreifache Expansionsmaschine von  330 PS mit den Abmessungen: HD Zylinder 9.6” (0.24m), MD Zylinder 14.5” (0.37m) und ND Zylinder 26” (0.66m). Der Hub beträgt 18” (0.45 m). Die Dampfmaschine ist direkt und ohne Kupplung mit  einem 4-flügeligen  Propeller von 8’ (2.4m) Durchmesser und einer Steigung von 9.6’ (2.9m) verbunden. Bei einer Drehzahl von 100 U/Min und einem Kesseldruck von 150 psi (10.3 bar) erreicht der Schlepper, ohne Anhang, eine Geschwindigkeit von ca. 8 Knoten. Der Brennstoffverbrauch liegt dann bei ca. 40 Gallonen/Std. (150 Ltr/Std.) Ein Dampfgenerator für die Erzeugung von elektrischem Strom, vier an die Hauptmaschine angehängte und sieben freistehende, weitere Dampfpumpen für See- und Frischwasser, Bilgenwasser, Schmieröl und Brennstoff und eine Zweikolben Rudermaschine vervollständigen die Ausrüstung des Maschinenraums. Das dampfbetriebene Ankerspill und die Schleppwinde sind im Originalzustand und betriebsbereit.

MASTER hatte in seinen 37 Dienstjahren verschiedene Eigner. Bereits 1927 verkaufte Herman Thorsen den Schlepper an die Lamb Logging Company, eine Firma, die in der Waldindustrie tätig war. Für sie schleppte MASTER aus Baumstämmen bestehende Flösse  zu  Sägewerken am Fraser River.  “Log Towing”, wie man das Schleppen solcher Flössen bezeichnet, wird auch heute noch durchgeführt. So ein Schleppzug, bestehend aus mehreren Floßeinheiten, kann über eine halbe Seemeile lang sein und bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von  1 bis höchstens 1½ Knoten fort. Es kommt vor, dass andere Wasserfahrzeuge, die die auf dem Schlepper gesetzten  Positionslampen und Signallichter nicht richtig deuten, mit dem Anhang kollidieren und diesen auseinander brechen. Eine Schleppreise, etwa von den Queen Charlotte Islands zum Fraser River bei Vancouver, kann bis zu zwei Wochen dauern. Bei stürmischem Wetter muss oftmals, wenn möglich, Schutz unter Land gesucht werden. Zeugnis vom Sturm auseinander gebrochenen Flössen, legen die zahlreichen, überall am Strand angeschwemmten  Baumstämme ab.

1940 wurde der Schlepper von der  Marpole Towing Company übernommen, die auch im Besitz seiner beiden bei Moscrop erbauten Schwestern war. MASTER trägt auch heute noch die Farben von Marpole, d.h. der Schornstein ist in rot/orange gestrichen, mit einem schwarzen Top. Die eigentliche Schornsteinmarke  besteht aus 4 schwarzen Diamanten in einem weißen Band.  Für Marpole schleppte MASTER dann meist mit Kohle beladene Schuten von Vancouver Island, wo seinerzeit in der Nähe der Stadt Namaimo  Kohle abgebaut wurde, zur Verladeanlage  im Vancouver Kohlenhafen. MASTER  konnte dabei bis zu 3 Schuten im Verband schleppen. In 1947 fusionierte die Marpole Towing Company mit der Firma  Evans, Coleman & Evans. Für diese Gesellschaft wurden unter anderem mit Kalkstein beladene Schuten von Texada Island zu den Zementfabriken am Festland geschleppt. Der letzte Eigner, ab dem Jahre 1950er Jahren, waren  schließlich die Gilley Brothers. Diese entschlossen sich einige Jahre später sich von dem alternden  Schlepper und seinen zwei Schwestern zu trennen.


Ankerspill


Rudermaschine

Die hohen Betriebskosten waren dafür ausschlaggebend. Weitaus größere Schlepper mit Dieselmotorantrieb konnten mit einer kleineren Besatzung viel kostengünstiger betrieben werden. Da sich keine Käufer fanden, wurden MASTER und seine beiden Schwestern am Fraser River aufgelegt.  Wind und Wetter, aber auch Vandalismus, ließen diese einst stolzen Schlepper schnell verfallen, sodass sie 3 Jahre später zum Ausschlachten und Abwracken verkauft werden sollten.  Noch rechtzeitig entdeckte 1962 die World Ship Society of Western Canada, eine in England ansässige Vereinigung von Liebhabern historischer Schiffe, die Dampfschlepper. Eine Besichtigung ergab, dass MASTER von dem Trio noch am besten erhalten war, und man erwarb ihn für nur 500 kanadische Dollar.

 Nach tausenden von Arbeitsstunden freiwilliger Helfer und nach zahlreichen Geld- und Materialspenden konnte MASTER am 23. April 1963 erstmals wieder unter Dampf genommen werden. 1971 wurde der Dampfschlepper an die eigens für seinen Unterhalt und Betrieb gegründete S.S. MASTER Society übergeben.  1981  unterzog man den Schlepper in Vancouver einer 5 jährigen Generalüberholung. Nachdem er die strenge Untersuchung der Canadian Steamship Inspection mit Bravour hinter sich gebracht hatte, konnte MASTER im neuen Glanz seinen Platz als Flaggschiff bei der Expo 1986 in Vancouver einnehmen.

Der Schlepper MASTER, als letzter Űberlebender von über 300 an der kanadischen Westküste gebauten, hölzernen  Dampfschleppern, wurde vor einigen Jahren von der Provinz British Columbia als erstes und bisher einziges Schiff zum “Heritage Object” erklärt. Man sah in dem Veteranen eine Art schwimmendes Kulturerbe. Mit der Erhaltung von MASTER wurde zugleich der kanadischen Schleppschifffahrt unter Dampf und den Seeleuten, die auf den Schleppern ihren Dienst taten, ein lebendiges Denkmal gesetzt.  Das Leben und die Arbeit auf einem Schlepper war oft entbehrungsreich und nicht ungefährlich, und daran hat sich bis zum heutigen Tage nicht viel geändert. Für British Columbia und den angrenzenden Puget Sound hatte die Schleppschifffahrt  seit je her Tradition und grosse Bedeutung. Sie war, und bildet auch heute noch zum Teil, das Rückgrat bei dem Transport von Gütern auf dem Wasserwege.  Kleine Küstenschiffe, wie in Europa, setzten sich hier nicht durch.

Seit seiner Wiederinstandsetzung 1963 nahm MASTER an unzähligen, maritimen Veranstaltungen in Vancouver, auf den Inseln und im Puget Sound  teil.  Im Jahr 2001 war er Gast beim Jahrestreffen der Northwest Steam Society in Nanaimo auf Vancouver Island.  MASTER war der Star einiger Fernsehsendungen und wirkte auch in einigen Filmen mit. In dem Spielfilm „The Trap“ wurde aus ihm ein Seitenraddampfer gemacht, indem man hölzerne Radattrappen an beiden Seiten anbrachte. Seine Besatzung, die auch für die Instandhaltung verantwortlich ist, besteht nur aus Freiwilligen. Leider gibt es auch in Kanada immer weniger dampferfahrene Maschinisten.

MASTER hat seinen Liegeplatz beim Britsih Columbia Maritime Museum, im Stadtteil Kitsilano von Vancouver, wo  er zeitweise zur Besichtigung freigegeben ist.  Passagiere dürfen nicht befördert werden. Für die Northwest Steam Society, die Mitglied in der S.S. MASTER Society ist, wird immer einmal eine Ausnahme gemacht. Für 25 Dampf-Enthusiasten ist im August eine mehrstündige Ausfahrt in den Gewässer um Vancouver geplant.

Im Museum sind auch der Kessel und andere geborgene Teile des berühmten Seitenraddampfers BEAVER ausgestellt. Dieses Schiff der Hudson Bay Company, angetrieben von zwei  35 PS leistenden Niederdruck-Dampfmaschinen,  kam als das erste Dampfschiff  im Jahre 1836 zur kanadischen Pazifikküste. Die Überführung von England nach British Columbia um Kap Horn geschah unter Segeln. Die Seitenräder waren im Laderaum verstaut. Überhaupt war BEAVER ein besseres Segelschiff als ein Dampfschiff. Zuletzt war BEAVER  nur noch als Schlepper eingesetzt und ging  im Juli 1888 durch Strandung verloren. Ein Museumsbesuch lohnt sich auf jeden Fall

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